PHYSIOTHERAPIE OBERWART
   Praxis für Physiotherapie und Manualtherapie OMT seit 36 Jahren

KOPFSCHMERZEN UND SCHWINDEL

 Es ist sicher 30 Jahren her, als ich angefangen habe mich über das Phänomen „Schwindel“ Gedanken zu machen. Ich war damals in einem großen Kurzentrum in der Schweiz tätig. Die damalige Klientel war durchwegs im fortgeschrittenen Alter, und Probleme wie Kopfschmerzen, Schwindel oder auch Gleichgewichtstörung waren nicht selten. Meine Kollegen und ich, eine sehr internationale physiotherapeutische Mischung, waren allesamt nicht in der Lage Schwindel als Symptom ordentlich zu behandeln, oder überhaupt zu erkennen. Viele Vertigo-Patienten wurden daher nach den Prinzipien der Gleichgewichtsstörung (mittlerweile Balancedysfunktion) behandelt. Und das selbstverständlich ohne großen Erfolg. Allerdings war damals trotzdem der Kopfschmerz das größere Interessensfeld. Zumindest davon hatten wir in unsere Ausbildung und spätere Weiterbildungen schon mal was gehört und konnten somit zumindest ansatzweise eine gezielte Behandlung durchführen. Dachten wir zumindest. Allerdings waren wir auch da nicht besonders erfolgreich. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich hauptsächlich mit Klassifikationssysteme und Therapiestrategien für Kopfschmerzen beschäftigt. Die rasante Entwicklung der ICF bescherte mich allerdings zunehmend Probleme. Es wurde immer schwieriger durch den unendlichen Jungle des Kopfschmerzes hindurch zu blicken.
So gab es primäre Kopfschmerzen, die unterteilt wurden in Migräne, Spannungskopfschmerzen, Clusterkopfschmerzen, andere Trigemino-autonome Kopfschmerzen, und andere primäre Kopfschmerzen, die beispielsweise noch mal eingeteilt wurden: primärer stechender Kopfschmerz, Hustenkopfschmerz, Kopfschmerzen bei Anstrengung, Kopfschmerzen im Schlaf, Donnerschlagkopfschmerzen, Hemicrania continua und täglich wiederholte Kopfschmerzen. Dann gab es noch Überkategorien des sekundären Kopfschmerzes, der kranialen Neuralgien und der verschiedenen Varianten des Gesichtsschmerzes. Und um abzuschließen gab es auch noch Kategorien mit nicht anderweitig klassifizierten Kopfschmerzen oder nicht weiter spezifizierte Kopfschmerzen.
Ein klares strukturiertes Managementmodell brachte ich nie wirklich zu Stande. Nicht zuletzt deswegen habe ich mich den Schwindel zugewandt. Tatsache war und ist noch immer, dass Vertigo und aber auch die Balancedysfunktion nicht besonders hoch am Plan der physiotherapeutischen Ausbildung gereiht ist. Als ich meine Ausbildung gemacht habe, hat „Vertigo“ als physiotherapeutische Behandlungsmodalität noch gar nicht existiert. Und auch jetzt gehört dessen spezifische Behandlung nicht zu der Basisausstattung der Physiotherapeutinnen.


SCHWINDEL IST NACH KOPFSCHMERZEN DAS ZWEITHÄUFIGSTE LEITSYMPTOM!
Wie eine Befragung von über 30000 Personen zeigte, liegt die Prävalenz von Schwindel in Abhängigkeit vom Alter zwischen 17% (bei jüngeren) bis 50 Prozent der über 80-Jährigen, 30 Prozent der über 70-Jährigen und 20 Prozent der über 60-Jährigen Schwindel ist als wesentlicher Faktor für die Beeinträchtigung der Lebensqualität anzusehen, da es zu einem Verlust von Mobilität und Teilhabe an altersentsprechenden Aktivitäten kommen kann. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität steht vor allem bei alten Menschen deshalb im Vordergrund, weil die Kompensationsmöglichkeiten auf Grund der schwindenden Ressourcen geringer werden.
In einer bevölkerungsbezogenen Studie lag die Lebenszeitprävalenz für mittelstarken bis heftigen Schwindel bei 29,5%.
In meiner Praxis beträgt die Zuweisung von Patienten mit einer Vertigo- oder Balancedysfunktionsdiagnose 11% der gesamten Zuweisungszahl. Ca. 3% der Patienten wird mit Vertigo als sekundäre Diagnose überwiesen. Dann gibt es auch noch Patienten, die mit Kopfschmerzen oder HWS-Probleme überwiesen werden, die allerdings Vertigo nicht als Diagnose mitbekommen haben. Ca. 25% dieser Gruppe klagt jedoch sehr wohl über einen symptomatischen Schwindel.